Am Montag, den 29.04.2024, sprach die Autorin Sybille Eberhardt bei einer Veranstaltung der keb Göppingen im neuen Geislinger Gemeindehaus St. Maria vor rund 50 interessierten und bewegten Zuhörerinnen und Zuhörern. Die pensionierte Realschullehrerin hat sich in mehreren Publikationen und durch Vorträge um die Aufarbeitung jüdischer Schicksale im Landkreis Göppingen im Dritten Reich verdient gemacht. Dieser Abend war den jüdischen Zwangsarbeiterinnen für die WMF Geislingen gewidmet. Ihren Vortrag begleitete Frau Eberhardt eindrücklich mit Fotos, künstlerischen Verarbeitungen des Themas und Kartendarstellungen.

Die WMF Geislingen „arisierte“ sich unter dem Druck des NS-Regimes und entwickelte sich zum kriegswichtigen Rüstungsbetrieb. Der zunehmende Mangel an Arbeitskräften in den Kriegsjahren führte dazu, dass 1944 schließlich auch KZ-Häftlinge zur Zwangsarbeit angefordert wurden. Da Männer nicht verfügbar waren, wurden Frauen requiriert. Schließlich kamen 700 ungarische und 120 polnische Zwangsarbeiterinnen überwiegend aus Auschwitz nach Geislingen, nachdem vor Ort Lagerbedingungen und separierte Produktionsräume geschaffen sowie Aufseherinnen angeworben worden waren.

Sybille Eberhardt musste den Schrecken dieses Systems gar nicht erst emotional beschwören: Zutiefst erschütternd waren bereits die nüchternen Fakten, zahlreichen Details und die zitierten Berichte von überlebenden Zwangsarbeiterinnen.

Abschließend zeigte Frau Eberhardt die Geislinger und Göppinger Orte der Erinnerung an die jüdischen Opfer (Grabstätten, Gedenktafeln und Denkmäler) und stellte damit auch die Frage nach dem Gedenken heute. Ist z.B. die randständige Lage des Denkmals „Geschundener Kopf“ auf dem Friedhof Geislingen der zentralen Bedeutung dieses Teils der Lokalgeschichte angemessen?

Im anschließenden Gespräch wurden weitergehende Fragen gestellt, z.B. danach, ob und wie die Zwangsarbeiterinnen entschädigt wurden, oder nach der Rolle der Kirchen. Bei der Frage, was man heute tun kann, erinnerte eine Teilnehmerin daran, dass die anstehenden Kommunalwahlen eine gute Gelegenheit seien, Politikerinnen und Politiker auf ihre Haltung zur Geislinger Erinnerungskultur anzusprechen.

Frank Suppanz

Stolperschwelle zum Gedenken an die jüdischen KZ-Häftlinge, die als Zwangsarbeiterinnen 1944/45 bei der WMF waren.
Gedenktafel der WMF Geislingen.